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Wie man Mangas beendet – ZRPUE

Ich hatte vor Kurzem eine Unterhaltung mit einer Zeichnerin gehabt, die gerade erst in die Mangaka-Szene eingestiegen ist. Sie hat schon einige Mangas und Comics angefangen, aber ihr Problem ist, dass sie sie selten bis nie fertig stellt. Sie meinte, meist liegt es daran, dass ihr irgendwann die Zeit fehlt oder die Ideen ausgehen oder der Manga länger wird, als er sollte und sie plötzlich mehr Ideen hat, als sie umsetzen kann.

Ich kann diese Probleme alle komplett nachvollziehen. Meine ersten Mangaprojekte haben sehr vielversprechend angefangen, sind aber dann schnell im Sand verlaufen, manchmal schon nach 5 Seiten. Bei mir lag es dann meist an Faulheit oder verloren gegangenem Interesse an der Thematik.

Heute bin ich hauptberuflich Illustratorin und Mangaka. Mein Hauptwerk ist ein sehr langes Mangaprojekt, an dem ich nunmehr schon seit 7 Jahren arbeite, ohne Pause und ohne auch nur einen Gedanken daran, jemals aufzuhören.

Wie mache ich das? Woher kommt diese Disziplin? Warum verliere ich nicht das Interesse? Wie schaffe ich es trotz vieler Nebenprojekte immer pünkltich 8 seiten in der Woche zu liefern und alle vier Monate einen vollständigen Mangaband fertig zu stellen?

Ich möchte in diesem Artikel solche Fragen gern beantworten und Zeichnern, die Schwierigkeiten haben, einen Manga oder Comic zu ende zu führen, einen Leitfaden mit auf den Weg zu geben, wie sie ihre Werk anfangen, durchhalten und vollenden, ohne sich irgendwann zu irgendwas zwingen zu müssen oder in einem heillosen Chaos an Aufgaben, Ideen oder gar Deadlines zu versinken.

Mein Geheimrezept ist ein 5-Schritte-Programm aus dem Management. Es heißt ZRPUE. Bitte versuch nicht, das auszusprechen und nein, das ist kein asiatisches Pfannengericht. ZRPUE ist die Abkürzung für die fünf Schritte, die mir helfen ein Mangaprojekt aufzubauen und es zu beenden, egal ob ich es für mich mache, für meine Leser oder für einen Kunden. Gehen wir die einzelnen Punkte mal durch.

Z – Ziel setzen

Das ist eines der wichtigsten Dinge, die man vor jedem Projekt – wirklich JEDEM Projekt tun sollte, egal ob man nun einen Manga zeichnen will oder ein Haus bauen will oder ein Unternehmen gründen will. Was ist das Ziel? Was will man erreichen. Wo will man hin? Was soll einem das alles bringen? Mag sein, dass solche Fragen banal am Anfang klingen, aber sie helfen einem später, die Richtung zu behalten. Mit einem Ziel vor Augen lässt man sich viel weniger ablenken.

Ich geb euch mal ein Beispiel. Ich möchte einen Manga zeichnen. Was ist mein ziel dabei? Möchte ich über eine bestimmte Thematik aufklären? Möchte ich mich künstlerisch ausdürcken? Möchte einfach nur etwas zeichnen, egal was, weil mir Zeichnen Spaß macht? Habe ich eine ganz bestimmte Inspiration, die ich der Welt mitteilen möchte? Habe ich einfach nur etwas in mir, das ich rauslassen will? Will ich mit dem Projekt besser im Zeichnen werden, der Inhalt ist mir gar nicht so wichtig? Möchte ich mit dem Projekt eine schöne Geschichte erzählen, auch wenn ich nicht der allerbeste Zeichner bin? Will ich mit der Zeichnerei eine schöne Nachmittagsbeschäftigung haben? Diese Ziele mögen sich auf den ersten Blick vielleicht nicht sehr voneinander unterscheiden, aber überlegt mal: Wenn es euer Ziel ist, einfach nur eine schöne Nachmittagsbeschäftigung zu haben, könnt ihr eure Zeit viel weitgestreckter einteilen, weil es nur um die reine Beschäftigung geht. Wenn es euer Ziel ist, eine bestimmte Inspiration rauszulassen, solltet ihr euch die Zeit sehr viel knapper einteilen, am besten sogar einen 24-Stunden-Zeichenmarathon draus machen, denn Inspiration ist eine zarte Pflanze, die – wie wir alle wissen – schnell in schönster Blüte steht, aber auch genauso schnell wieder verblüht ist. Je schneller man also seine Inspiration aufs Papier gebannt hat, um so besser. Bei dem Ziel einer Nachmittagsbeschäftigung kann man ein Projekt planen, das sehr viele Seiten und Kapitel haben kann. Beim Ziel einer einer Inspirationsflut sollte man seine Kapitel knapp und präzise planen, damit man sie in dem kleinen Zeitfenster, das man hat, zumindest grob schon auf dem Papier hat.

Wie ihr seht, das gesetzt Ziel mag banal erscheinen, aber es bestimmt den weiteren Verlauf eures Weges immens. Seid euch daher vorher im Klaren darüber, was ihr mit dem Mangaprojekt erreichen wollt.

R – Ressourcen

Das ist ein beliebter Begriff aus dem Management, ist aber auch nur Fachchinesisch für „alles, was du hast, was du kannst, wen du kennst.“ Wenn dein Ziel steht, vergewissere dich, dass du alles VORHER hast, was du später brauchst.

Du wirst Bleisift und Papier brauchen oder ein funktionierendes Grafiktablett. Radiergummie, Farbe, Pinsel, Tusche, Feder, Liner oder womit auch immer du malen willst. Leg dir das alles vorher bereit, dann musst du später deine Arbeit nicht unterbrechen, um danach zu suchen. Jede ungeplante Pause oder Unterbrechung kann dich sehr schnell aus deinem Flow reißen und jeder Zeichner weiß, wie schwer es ist, in einen Flow zu kommen, und noch schwerer, wieder reinzukommen, nachdem man einmal unterbrochen wurde.

Aber nicht nur deine Zeichenausrüstng gehört zu deinen Ressourcen. Genauso entscheidend ist deine Zeit. Du musst genau wissen, wann du für dein Projekt Zeit hast. Wann hast du Schule? Wann gehst du zur Arbeit? Wann hast du Uni oder Ausbildung? Wann hast du Ruhe? Wann ist die Zeit, in der dich mit Sicherheit niemand ablenkt, weder Freunde noch Eltern? Wann sind Essenszeiten? Wie lange kannst du konzentriert an einer Sache arbeiten, ohne müde zu werden? Wann brauchst du Pausen? Und so weiter. Du musst genau wissen, welche Zeitfenster dir zum Zeichnen zur Verfügung stehen.

Eine weitere Ressource sind andere Leute, um dich herum. Hast du Freunde, die dir vielleicht dabei helfen können? Gibt es Leute, die dich nur stören würden, und denen du vor Beginn deines Projektes sagen musst, wann deine Arbeitszeiten sind? Brauchst du vielleicht eine Druckerei, weil du deinen Manga gedruckt veröffentlichen willst? Brauchst du die Unterstützung eines Verlages oder von Sponsoren, weil dein Projekt doch etwas mehr Investition bedarf? Teilst du dir die Arbeit gar mit einem Partner, du machst die Outlines, er die Hintergründe?

Noch eine wichtige Ressource sind deine eigenen Fähigkeiten. Du musst wissen, was du auf dem Kasten hast und was du dir selbst zutraust. Wenn du ein Anfängerzeichner bist, müsstest du dir gut überlegen, ob du ein Langzeitmangaprojekt mit 100 Kapiteln planst. Wenn du eher stärker im Schnellzeichnen als ihm sehr detailliert Zeichnen bist, lohnt sich dann ein Mangaprojekt in Vollfarbe oder würdest du schnell daran verzweifeln? Wenn du noch nie mit richtiger Rasterfolie gearbeitet hast, solltest vorher erst kräftig üben, bevor du dich an ein Mangaprojekt wagst, das du mit Rasterfolie colorieren willst. Von deinem Skill wird später dein Durchhaltevermögen abhängen. Schätze es also vorher richtig ein.

Ganz wichtig ist auch noch zu wissen, wie lange du für bestimmte Schritte brauchst. Wie lange brauchst du für eine Seite? Für die Skizzen? Für die Outlines? Für die Coloration? Und so weiter. Das Wissen darüber ist sehr wichtig für den nächsten Schritt.

P – Plan

Der Plan ist etwas, das viele Anfängerzeichner immer wieder übersehen, vergessen oder einfach nicht dran denken, dass es wichtig ist. Daher sage ich es hier nochmal ganz deutlich:

Bevor. Du. Anfängst. Mache. Dir. Einen. Plan.

Und damit meine ich nicht, dass du dir eine Karte von Penesia malst. Plane so viel wie möglich. Plane zuerst deine Geschichte. Was willst du erzählen? Wie lange wird dein Projekt? Wieviel Seiten soll es haben? Wieviel Kapitel? Wie umfangreich wird alles? Und ganz wichtig: Plane IMMER mit Augenmerk auf deinem Ziel. Wenn du einfach zeichnen willst, um zu üben, kannst du Zeiten viel lockerer planen, also wenn du ein richtiges Mangaprojekt fertig stellen willst, um es später zu veröffentlichen. Plane, wann du womit anfangen willst, wie lange du für etwas brauchst und wann du mit etwas fertig sein willst. Glaub mir, mit einem Plan fällt es so viel einfacher durchzuhalten, weil du später genau siehst, wie weit dein Fortschritt ist und was du noch alles vor dir hast. Ohne Plan gurkst du irgendwann zwischen Seite 100 und Seite 1000 herum und siehst kein Ende am Horizont.

Plane, wieviel Ressourcen du dafür brauchst und einsetzen willst. Bei einem One-Shot-Manga, den du nur zur Übung zeichen willst, ist es wenig sinnvoll dich mit einem Jahresvorrat an Büttenpapier auszustatten. Plane, wem du bescheid geben musst, um ungestört arbeiten zu können. Plane, wen du mit ins Boot holen musst. Plane aber auch genau deine Pause ein, je nachdem, wieviel Kraft du aufwenden willst. Plane exakte Arbeitstage und Arbeitsstunden ein, in denen du am Projekt arbeiten willst. Plane ein, wann du Tusche und Papier nachkaufen musst. Und so weiter. Anhand deines Ziels erstellst du deinen Plan. Je präziser er ist, um so leichter wird es dir später fallen, durchzuhalten.

Ich geb auch zu, wenn man das erste Mal einen Arbeitsplan erstellst, ist das eher Rätselraten als gezieltes Planen. Es ist schwer, einzuschätzen, wie lang man für alles brauchen wird und bis wann man fertig sein wird. Das kommt alles mit der Zeit. Ich kann nur raten, erstell einfach erstmal deinen Plan nach Gefühl, wie du dich gut fühlst und was du denkst, was realistisch ist. Wenn du später merkst, du kommst mit der Zeit nicht hin oder du arbeitest schneller als gedacht, dann pass den Plan einfach nochmal an.

Kleiner Tipp: plane die Zeiten ein bisschen großzügiger, als du arbeitest. Wenn du später schneller arbeitest und weit vor deinem Plan liegst, fühlt sich das ziemlich gut an und motiviert weiter so schnell zu arbeiten.

U – Umsetzung

Ziel ist klar vor Augen, Ressourcen sind bekannt, Plan ist erstellt, jetzt – und wirklich erst jetzt – kann’s losgehen. Leg los, zeichne, arbeite nach deinem gesetzten Plan, pass den Plan beizeiten an, wenn es nötig ist, arbeite entspannt, sieh deinem Ziel immer wieder entgegen.

E – Evaluation

Evaluation ist wieder so ein schlauer Begriff aus dem Management, sagt aber auch nix weiter als „hat alles funktioniert, wie du es dir gedacht hast?“ Wenn du das Projekt abgeschlossen hast, wenn du es abgebrochen hast, wenn du eine Pause machst oder auch direkt während dem Projekt, stell dir genau diese Frage. Hat alles so geklappt, wie du es dir gedacht und geplant hast? Wenn ja, prima, dann mach genau weiter so. Zeichne weiter oder zeichne genau mit diesem Plan ein neues Projekt. Wenn nein, dann überlege, was schief gelaufen ist. Wurdest du unterbrochen? Ist dir das Geld ausgegangen? Hattest du plötzlich keine Lust mehr? Ist irgendwas passiert, mit dem du nicht gerechnet hast? Hast du mehr Zeit gebraucht, als gedacht? Und so weiter. Und dann versuche ehrlich zu beantworten, warum das so ist. Warum ist es schief gelaufen? Warum hat es nicht geklappt? Geh auf Fehlersuche. Du kannst auch andere Leute fragen, was sie darüber denken. Oder rede mit Profizeichnern, wo sie das Problem sehen. Auf Facebook gibt es genug Gruppen mit sehr lieben Menschen, die einem weiterhelfen. Wichtig ist, dass du das Problem erkennst und eine Lösung dafür findest, sodass du dein Projekt fortsetzen kannst oder es ehrlich abbrechen und ein neues starten kannst.

Ich hoffe, ich konnte dir mit dieser Methode ein bisschen weiterhelfen, dein nächstes Mangaprojekt durchzuhalten und erfolgreich abzuschließen.

Wenn du noch Fragen hast, kannst du dich gern an mich wenden.

()_()
(oo )N
HasiAnn

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