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Ein zermürbender Schrecken ohne Ende

Triggerwarning: Depression, Self-harm

Es ist soweit. Seit einem Jahr kämpfe ich mit einer Depression, die einen erneuten Höhepunkt gefunden hat. Mittlerweile ist der Punkt, an dem ich noch in der Lage bin, zu arbeiten, weit überschritten, deswegen werde ich eine Zwangspause einlegen müssen.

Was ist passiert?

2020 ist passiert. Als die Krise begann, war ich noch guter Dinge, dass es nicht länger als einen, maximal zwei Monate dauert und wir dann wieder zur Normalität zurückkehren können.

Aber nichts dergleichen ist passiert. Im Sommer sah es so aus, als würde es sich langsam bessern, aber gleich danach wurde es erneut schlechter und schlechter. Das alles ging so weit, dass ich die Hoffnung, es könne je wieder alles normal werden, gänzlich verlor.

Der Gedanke kommt nicht von ungefähr. Als die Krise damals begann, wurde uns gesagt, es dauert bis Ende April, vielleicht Anfang Mai, dann sehen wir weiter. Zu dem Zeitpunkt waren wir noch alle schockiert darüber, dass die USA alles bis Ende Juni aufrecht halten wollte. Es dauerte nicht lange, da wurde das Ende auch bei uns auf Juni datiert, dann auf Juli, dann auf den 31. August, dann auf Ende Dezember. Dieses ständige Vertrösten, Hinauszögern, Hoffnung machen, die dann doch wieder zerstört wird, hat mich zermürbt. Immer wieder zu hören, es dauert nur noch so und so lange, sich Hoffnungen zu machen, dass es in absehbarer Zeit alles wieder normal wird, um dann doch wieder zu hören, dass noch zwei, drei Monate länger gewartet wird und “dann sehen wir mal”, ist zermürbend auf der ganzen Linie. Hoffnung aufbauen und wieder zerstören. Immer und immer wieder. Das ist etwas, das ich nur schwer ertrage. Alles, was mir bleibt ist die Gewissheit, dass es für immer so bleiben wird. Es wird sich nichts ändern. Wir werden nur immer weiter vertröstet, aber ändern wird sich nichts. Zumindest nicht in den nächsten paar Jahren.

Was das alles noch viel schwerer gemacht hat, war das tägliche, fast stündliche Befeuern mit schlechten Nachrichten. Egal ob traditionelle Medien oder neue Medien. Egal ob Social Media oder auf der Straße, es war überall. Alle Medien schrien mir jeden Tag ins Gesicht, dass es doch noch länger dauert, dass wir alle in höchster Gefahr schweben und jeder Zeit erkranken und sterben können. Sie berichten über Unternehmen, die pleite gehen, Restaurants, die schließen müssen, Menschen, die ihre Existenz verlieren. Auf Social Media brach Shitstorm-Krieg über Shitstorm-Krieg los. Jeder brüllte sich nur noch an oder verzweifelte über die Situation. Nicht einmal im Supermarkt beim Einkaufen kam ich um die Radio-Nachrichten drum herum, die über Lautsprecher ausgedudelt wurden. Jeder sprach darüber, berichtete von seinen schlimmen Erlebnissen, von seinen Einschränkungen, von seinen Sehnsüchten und allen Dingen, die er vermisst, von Jobverlust und Existenzängsten. Freunde, Familie, Kollegen, sie allen berichteten nur noch über Angst, Panik, Zurückgezogenheit, Zweifel, Verzweiflung, Machtlosigkeit und Isolation.

Mein Fenster zur Welt – da ich ja nicht mehr rausgehen und mit Leuten reden konnte – waren einzig die Medien und diese waren beschränkt auf Negativität, vor der ich mich nicht verstecken konnte. Ich habe versucht, mich davon fern zu halten, habe Twitter und Instagram ignoriert, habe die Nachrichten auf stumm geschaltet, geblock, wer zu häufig negativ darüber sprach. Ich habe versucht mich auf kleine, positive Dinge zu konzentrieren, war oft im Wald, habe die Sonne genossen, versucht mich abzulenken, bis es mir wieder ein kleines bisschen besser ging und ich das Gefühl hatte, die Welt ist nicht so schlimm, wie ich dachte, nur damit ich zwei Minuten später wieder ungewollt über eine Nachricht, einen Kommentar, eine Story, ein Posting stolperte, das alles wieder in sich stürzen ließ und mich zurück in das Loch aus Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung stieß.

Bei mir kommt erschwerend ein Trauma hinzu, dass ich als kleines Kind durch eine sehr unglückliche Begebenheit mit Ärzten, die eine Maske trugen, erleben musste. Jedes Mal, wenn ich jemanden mit einer Maske sehe, werde ich an genau dieses Erlebnis schmerzlich erinnert und es ruft jedes Mal erneut das Trauma hervor mit den gleichen Symptomen wie damals. Schwitzende Hände, Kurzatmigkeit, Schwindel, Druck in der Brust, verspannter Kiefer, Panikattacke. Es ist sofort wieder da und ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann. Es ist für mich absoluter Horror große Menschenmenge zu sehen, die eine Maske tragen und mir wird schlecht, wenn ich daran denke, dass dieser Zustand für immer so sein wird.

Das Resultat aus allem sind permanente Panikattacken, Nervenzusammenbrüche und unaufhaltsame Depressionsschübe, die mich an meiner eigenen Existenz zweifeln lassen. Und – so schwer es mir auch fällt, das zuzugeben – aber ich hatte selbstdestruktive Gedanken. Mehr als ein Mal. Ich habe mir nichts angetan. Ich bin immer schnell genug aus dem Loch wieder rausgekommen, aber ich hatte sehr häufig den Wunsch danach und diese Gedanken haben mich zutiefst erschreckt. Ich hatte immer wieder genug zu kämpfen mit Panikattacken, Schweißausbrüchen, unkontrollierbarem Zittern, Druck in der Brust, Kurzatmigkeit, permanent kreisenden Gedanken, Schreianfällen. Am schlimmsten waren aber die Konzentrationsschwierigkeiten. Ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren, stundenlang. Ich wollte etwas tun und vergaß es in der nächsten Sekunde wieder. Ich ließ mich unglaublich leicht von einfach allem ablenken und sei es ein Staubkorn, das in der Luft schweb. In der Öffentlichkeit habe ich mich ständig illegal gefühlt. Dadurch, dass ich durch meine Panikattacken immer kreidebleich geworden bin, dachte ich jederzeit, dass gleich jemand die Polizei ruft und mich wegen einer Krankheit festnimmt. Ich hatte dabei immer diesen einen TV-Bericht im Hinterkopf, wie sie eine niesende Frau mit Polizei in Schutzanzügen aus einem Laden gezerrt haben, obwohl sie immer wieder beteuerte, sie hätte nur Staub eingeatmet. Ich hatte Angst davor zu niesen, zu husten, manchmal wollte ich nicht mal mehr atmen. Ich habe mich schon dabei erwischt, wie ich die Luft angehalten habe, wenn ich an einer Security im Supermarkt vorbeigegangen bin.

Das alles hat mich zermürbt und ich kann die Fassade nicht länger aufrecht halten. Was vor Kurzem passiert ist, hat das Fass zu Überlaufen gebracht. Ich kann nicht mehr.

Es gibt so viele Dinge, die ich mittlerweile vermisse. Ich vermisse es, meine Freunde zu sehen, mich in Gruppen zu treffen, Dinge zusammen zu unternehmen, zusammen zu sein, füreinander dazusein. Ich vermisse bunte, laute Conventions, das Durcheinander und das chaotische Miteinander. Ich vermisse euch – meine Leser. Ich vermiss es, mit euch zu reden, mit euch Spaß zu haben, mit euch Quatsch zu machen. Ich vermisse Selfis mit euch und eure Fotos und Berichte über Conventions und Konzerte, auf denen ihr wart. Ich vermiss es, bummeln zu gehen, einfach in die Stadt zu gehen und durch die Läden zu schauen, ohne Panikattacken zu kriegen. Ich vermisse Konzerte, Sänger, Bands, die auf der Bühne stehen und das wundervolle Gefühl in der Menge und mit der Menge zu feiern. Ich vermisse Restaurantbesuche, ohne Personalien dalassen zu müssen und ständig das Gefühl zu haben, dass man etwas illegales getan hat und überwacht wird.

Ich vermisse mittlerweile sogar ein simples Lächeln des Verkäufers an der Kasse, wenn ich ihn anlächle. Ich vermisse es generell Menschen lächeln zu sehen und Menschen anlächeln zu können. Ich falle immer mehr in ein Loch aus Gesichtslosen, in dem ich niemanden mehr erkenne und von niemanden mehr erkannt werde. Manchmal zweifle ich an, ob ich selbst überhaupt noch da bin oder nur ein gesichtlose Puppe in einem Meer aus gesichtslosen Puppen.

Das alles führt dazu, dass ich – der wohl introvertierteste, schüchternste Mensch der Welt, der kaum vor die Tür geht, Reisen hasst und von sich aus größere Menschenmassen meidet – sich isoliert und einsam fühlt.

Ich habe keine Hoffnung mehr, dass irgendwann die Normalität wieder zurückkommt, wie gesagt, weil wir immer wieder um weitere zwei drei Monate vertröstet werden. Aber sollte irgendwo da draußen noch irgeneine Hoffnung sein und ich in ein paar Jahren wieder das Glück haben, die Normalität genießen zu können, werde ich nichts mehr – wirklich gar nichts mehr – für selbstverständlich halten. Ich werde jeden Schritt, den ich setzen kann, ohne mich illegal oder überwacht zu fühlen, genießen. Ich werde jedes Lächeln genießen und ich werde auch ein grimmiges Gesicht genießen, solange ich es sehen kann. Ich werde andere nur noch anlächeln und nie wieder damit aufhören. Ich werde jedes Treffen mit Freunden und Verwandten in großen Gruppen genießen. Ich werde jeden Restaurantbesuch genießen, in dem ich den Kellner verstehen kann. Ich werde jeden Menschen genießen, den ich nicht durch eine Plexiglasscheibe ansprechen muss, als wäre er in einem Terrarium und ich in einem Zoo. Ich vermisse es, in den Urlaub fahren zu können, ohne Angst haben zu müssen, von dort nicht mehr weg zu kommen. Ich vermisse es, Dinge organisieren und planen zu können, ohne einen Fallback-Plan für den Fall, dass es abgesagt oder verboten wird.

Diese Zeit zeigt, was man alles aufgibt und wie weh es tut, wenn man es nicht mehr hat. Und sie hat mir gezeigt, was Angst und Panik mit mir machen.

Ich habe keine Kraft mehr. Ich brauche eine Pause.

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