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An alle Künstler: Lasst euch nicht verarschen!

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„Hey, du hast mich operiert, meine Steuererklärung gemacht, meinen Fall vor Gericht verteidigt und meinen Rasen gemäht. Danke schön 🙂 … Wie, ich soll dich dafür bezahlen? Aber du hast das doch gern gemacht. Warum verlangst du Geld für etwas, was du gern machst?“

Weil es Arbeit ist! Es ist Arbeit, die Steuererklärung von jemandem zu machen oder ihn medizinisch zu behandeln. Es ist Arbeit, für jemanden den Rasen zu mähen oder das Haus zu putzen. Und stellt euch vor, ein Bild zu malen…

…ist ebenfalls Arbeit.

Ich habe vor Kurzem einen Eintrag in einer Gruppe kommentiert, in der ein Hobbykünstler beschrieben hat, wie er von jemandem angesprochen wurde, ihm seine Motive zu überlassen, die er für Merchandise-Verkauf benutzen will. Vergütung für den Hobbykünstler? Nichts.

Gut, man könnte jetzt sagen, es ist nur ein Hobbykünstler, kein professioneller Künstler, der davon leben will. Warum sollte er für ein paar Bilder auch entlohnt werden? Ganz einfach: Weil es Arbeit ist. Es ist Arbeit, sich hinzusetzen und stundenlang an einem Bild zu malen. Es ist Arbeit, es einzuscannen und online zu stellen. Es ist Arbeit, es auszudrucken und in einer Mappe aufzubreiten. Es ist Arbeit! Auch ein Hobby ist Arbeit. Auch ein Hobby verlangt Zeit, Wissen, Skill, Erfahrung und Geld, je nachdem, wie lange man es betreibt. Je professioneller man wird, um so mehr geht das einher.

Künstler zu sein ist Arbeit und so wie jemand bezahlt wird, der stundenlang eine Steuererklärung macht, sollte auch ein Künstler bezahlt werden, der stundenlang an einem Bild malt.

„Aber es ist doch nicht schlimm, wenn ein Hobbykünstler mal seine Werke hergibt.“

Wenn es für die kommerzielle Bereicherung des Kunden gedacht ist, dann doch, das ist schlimm. Aus drei Gründen. Der erste: Auch ein Hobbykünstler kann sich unter Wert verkaufen und nur zum Ausnutzen instrumentalisiert werden, ganz gleich wie lieb das Angebot auch gemeint ist. Wenn kein Gegenwert, wie Geld oder Promotion dabei rumspringt, ist es keine angemessene Wertschätzung der Arbeit und verleitet den „Kunden“ dazu zu denken, dass der Künstler diese Arbeit jeder Zeit wiederholen kann. Ich kenne den Mist von ausgenutzten Fotografen zur Genüge. Der zweite Grund ist, wenn ein Künstler seine Werke für Lau rausgibt, nimmt er einem anderen Künstler quasi eine potentiellen Auftrag weg, für den er Geld bekommen hätte. Jeder, der wirtschaftet, nimmt _natürlich_ das billigste Angebot und wenn ein Künstler dafür nichts verlangt; was gibt es Schöneres für einen Geschäftsmann?

Der dritte Grund ist noch viel schlimmer und ich richte mich damit auch an alle Künstler, die denken, dass es ok ist, Bilder für kommerzielle Zwecke des Kunden zu verschenken oder zu stark zu dumpen:

Ihr schadet damit der gesamten Künstlerszene in erheblichem Maße.

Ich erkläre das mal. Stellt euch Folgendes vor. Es gibt 10 etablierte professionelle Künstler, die alle etwa gleich gut sind und alle im gleichen Stil malen. Einer dieser Künstler hält sich selbst für nicht ganz so gut, findet seine Arbeiten nicht wirklich wertvoll, hat ein etwas angeknackstes Selbstbewusstsein und verkauft seine Werke für weniger als die Hälfte des Preises, den die anderen 9 Künstler verlangen. Besagter Künstler kommt mit einem Kunden ins Gespräch. Dieser Kunde sieht die Werke, findet die prima und möchte sie drucken und verkaufen. Er fragt den Künstler nach seinem Preis und der Künstler nennt einen unfassbar niedrigen Preis, der wie gesagt wesentlich niedriger ist, als der der 9 anderen Künstler. Der Kunde hat noch keine so richtige Ahnung, wieviel so ein Bild Wert ist. Er ist Geschäftsmann und handelt den Künstler noch ein wenig herunter. Der Künstler – ein wenig angeknackst im Selbstbewusstsein und nicht gut im Verhandeln – drückt den Preis sogar noch unter die Materialkosten und der Deal steht. Der Kunde freut sich und der Künstler ist froh, überhaupt irgendetwas verkauft zu haben.

Lassen wir Zeit verstreichen. Besagter Künstler ist mittlerweile pleite gegangen – klar, bei den Preisen, die er verlangt. Er ist aus der Künstlerszene ausgestiegen und arbeitet in einem Minijob, um sich über Wasser halten zu können. Unser Kunde hat die Drucke prima verkauft und er möchte das Geschäftsmodell weiter ausbauen, aber sein Künstler arbeitet nicht mehr als Künstler, also sucht er nach einem anderen der 9 verblieben Künstler. Künstler Nummer zwei meldet sich auf das Gesuch hin und kommt mit dem Kunden ins Gespräch. Er zeigt seine Werke, der Kunden ist zufrieden.

Der Künstler nennt seinen Preis.

Und dem Kunden fällt die Kinnlade auf den Boden: „DAS IST JA WUCHER!!!!“

Warum? Weil er den billigen Preis von Künstler eins gewohnt war und ihm jetzt jedes Gefühl für den echten Wert von künstlerischen Werken fehlt.

Wie geht’s weiter? Der Kunde sucht nach einem anderen Künstler, der billiger ist. Künstler drei denkt sich: „Wenn ich mit meinem Preis runtergehe, kommt der Kunde zu mir, anstatt zu den anderen.“ Gesagt getan, der Kunde reagiert, handelt Künstler drei sogar noch weiter runter, weil auch Künstler drei in Bedrängnis ist, endlich wieder Aufträge zu bekommen. Miete, Strom, Wasser, Versicherung und Steuern müssen bezahlt werden. Ergebnis: Der Künstler hat sich unter Wert verkauft und der Kunde wird in seinem Denken bestärkt, dass Kunst so billig ist. Künstler vier, fünf und sechs merken das, unterbieten sich gegenseitig in ihrem Preis, um überhaupt noch konkurrenzfähig zu bleiben. Künstler sieben, acht und neun steigen in das Preisdumping mit ein und plötzlich bekommen neun von zehn etablierten, ausgebildeten Künstlern mit jahrelangerer Erfahrung ein Gehalt, das  bereits unter dem Mindestlohn liegt. Der Kunde und alle anderen Kunden sehen die niedrigen Preise von neun Künstlern und denken, dass das ein fairer Preis ist. Alle Künstler verlangen ja so viel. Und der eine Künstler zehn, der immer noch den ursprünglichen Preis verlangt, ist ein arroganter Arsch, der nur reich werden will.

Das ist natürlich nur ein Beispiel in einem Mikrokosmos, aber bezieht das mal auf die ganze Künstlerszene. Wenn sich Künstler dauerhaft unter ihrem Wert verkaufen, weil sie denken, dass sie das machen müssen, um mit anderen mithalten zu können, dann gewöhnen sich Kunden an diesen niedrigen Preis und verstehen die Rechnung nicht, wenn man ihnen sagt, 60 € die Stunde ist absolutes Minimum, um überhaupt als Künstler leben zu können.

Ich habe so viele Geschichten gehört, in denen Kunden Aufträge hoch empört verneint haben, weil sich der Künstler geweigert hat, seine Werke einfach zu verschenken.

Meine lieben Künstler: Lasst euch nicht verarschen! Eure Arbeit ist etwas wert! Sehr viel wert sogar! Setzt den Preis hoch. Orientiert euch an den Preisen etablierter Künstler und dann geht noch ein kleines bisschen höher. Denkt nicht, ihr müsst den Preis runter setzen, weil sich sonst niemand leisten kann, was ihr tut. Das ist quatsch! Wer eure Kunst will, ist IMMER in der Lage sie sich zu leisten. Kleines Beispiel? Smartphone für 300 Euro? Klar doch! Comic aus 3 Monaten Arbeit für 30 Euro? Pfff. Denkt nicht, dass Kunden eure Werke eher kaufen, wenn sie billig sind. Dieses Denken ist vollkommener Quatsch. Kunden, die eure Werke für einen Spottpreis kaufen, kaufen sie auch, wenn sie einen angemessenen Preis haben. Und Kunden, die eure Werk NICHT für einen angemessenen Preis kaufen, würden eure Werke auch nicht für einen Spottpreis kaufen. Zum Problem wird es für euch nur, wenn ihr euch einmal unter Wert verkauft habt. Dann gewöhnen sich eure Kunden an den niedrigen Preis und kehren euch den Rücken, wenn ihr höher geht.

Die Schwierigkeit eines Künstlers besteht darin, sich zu etablieren, seine Kunst gut zu verkaufen, etwas zu produzieren, was die Masse mag, was gut ankommt und gemocht wird. DAS ist eure eigentliche Aufgabe! Produziert Werke, die euer Publikum will, anstatt den Preis so weit zu drücken, dass man eure Arbeiten auch als Klopapier verwenden könnte.

Ich weiß, die Gesellschaft hat euch darauf trainiert zu denken, dass ihr „nur ein Hobby betreibt“. Eure Arbeit macht euch Spaß, deswegen ist es keine richtige Arbeit, die mit Geld wertgeschätzt werden kann. Aber das ist Bullshit. Natürlich könnt ihr eure Arbeit lieben und dafür einen fairen Preis verlangen, der die Materialkosten, die Herstellungskosten, eure Arbeitszeit und den Mehrwert deckt. Ihr müsst das sogar! Das ist schwer und anstrengend und es wird nicht sofort klappen, aber das gehört zum Beruf eines freien Künstlers dazu, diese Hürde zu nehmen, sich etwas einfallen zu lassen und hart an einem Konzept und einer Strategie zu arbeiten.

Es ist super einfach, den Preis runterzusetzen und den Kopf einzuziehen, aber die wirklich erfolgreichen Künstler kämpfen für ihre Wertschätzung. Die sitzen dann bei Disney oder EA oder Hollywood und designen Spielcharaktere, Objekte, Hintergründe, Masken, Leinwände, Kostüme, Storyboards. Und natürlich werden die dafür richtig krass bezahlt, obwohl sie nichts anderes tun, als ihr. Sie sind Künstler.

Verkauft euch nicht unter Wert und lasst euch nicht verarschen. Wer euch für eure Arbeit keinen angemessenen Gegenwert in Form von Geld oder richtig guter Promotion anbietet, hat eure Arbeit nicht verdient.


HasiAnn / Fourth Instance Illustration

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Kommentare (2)

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    Denise

    |

    vielen Dank, für diesen Bericht. Genau so ist es. Schön beschrieben, in Deinem Beispiel!

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    • Avatar

      HasiAnn

      |

      Ich bezieh mich dabei halt auf alle Künstler, Fotographen, Cosplayer. DEr Artikel wurde auch in einer Gruppe für Modelling geteilt. Ist alles Kunst und Künstler sollten sich immer mehr über den Wert ihrer kreativen Arbeit bewusst werden. Wir bieten keine Gegenstände an, die man verramschen kann. Wir biete eine wertvolle Arbeit an, die Kreativität, Ideenreichtung, Wissen und Erfahrung bedarf.

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